Prototyp einer Populärphilosophie

 
 
 

Über das Projekt

Warum streben wir Menschen nach Erkenntnis? Wir tun es erstens, weil uns Erkenntnis hilft, klügere Entscheidungen zu treffen und so unser Leben auf ganz materielle Art zu verbessern. Zweitens tun wir es auch um der Erkenntnis selbst willen.

Diese zwei Hoffnungen sind allen Menschen gemeinsam. Das gilt auch dann, wenn wir uns spezialisieren, wenn also nur relativ wenige auf einem Gebiet nach Erkenntnis suchen und die übrigen sie mit Lebensmitteln, Wohnraum und Urlaubsreisen versorgen. Spezialisierung bedeutet, dass jeder auf seine besondere Art der Allgemeinheit dient. Nur er beherrscht sein Fach, aber das Interesse an den Früchten seiner Arbeit besteht bei allen. Wenn also Experten forschen, dann tun sie es nicht, um die Vorteile der Erkenntnis für sich allein zu gewinnen, sondern sie tun es im Auftrag und zum Nutzen der Laien.

Manche Disziplinen haben es dabei leichter als andere. Für die Naturwissenschaften haben sich längst Wege gefunden, auf denen ihre Erkenntnisse in eine Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität münden. Das wahre Endprodukt der Physik zum Beispiel sind nicht jene für die Allgemeinheit unverständlichen Publikationen, die an den Hochschulen entstehen. Der Hochschulphysiker hat einen Partner, der die gemeinsame Aufgabe zu Ende führt. Dieser, ebenfalls ein Physiker, ist in der Wirtschaft tätig. Er versteht die Ergebnisse der Grundlagenforschung und lässt sie in Produkte einfließen. Diese Produkte können nun auch ohne Verständnis der ausgenutzten physikalischen Zusammenhänge verwendet werden, also von allen. Der Hochschulphysiker muss sich nicht darum sorgen, seiner wahren Aufgabe nachzukommen. Er ist Teil eines Systems, welches das als Ganzes leistet.

Wissenschaft mündet zunächst in Ergebnisse, die der Allgemeinheit nichts nützen, deshalb sollte sie in keinem Fachbereich das einzige sein, das betrieben wird. Auch die Philosophen sind nicht dazu auf der Welt, eine geschlossene Veranstaltung abzuhalten. Sie werden von der Gemeinschaft ernährt, um einen Dienst zu erbringen - und zwar einen, der mehr ist als die Beteuerung, große Erkenntnisse gewonnen zu haben, die leider außer ihnen keiner versteht. Von der Philosophie werden verschiedene Arten von Nutzen erwartet. Sie soll durch besseres Verständnis der Welt zu besseren Entscheidungen beitragen. Sie soll die Menschen Zeit gewinnen lassen, indem sie Hilfe beim Nachdenken über allgemeine Fragen stellt und so schneller oder überhaupt erst zu befriedigenden Antworten führt. Sie soll das hässliche Gefühl aus der Welt schaffen, grundlegende Dinge nicht verstanden zu haben.

Aber der Hochschulphilosoph hat keinen Partner; jedenfalls keinen, der die ganze verbleibende Strecke bis zum wahren Bedarf zurücklegt.

Der Grund dafür liegt möglicherweise in einer Verwechslung. Es gibt in sämtlichen Wissenschaften nur eine Art von Texten, die Experten für Laien schreiben, nämlich Lehrbücher. Lehrbücher können sehr verschieden gestaltet sein, aber sie müssen bestimmte Grundregeln einhalten. Sie dürfen als Wissen nur präsentieren, was in der Fachwelt breiter Konsens ist. Dazu gehört zum Beispiel, umstrittene Fragen nicht als beantwortet darzustellen. Mit Hinblick auf die meisten Fachgebiete kann man diese Vorgabe als geeignet und erfolgreich bezeichnen. In der Philosophie ist nun aber die Situation die, dass zufällig die erwünschten Endprodukte von der gleichen formalen Art sind wie ein Lehrbuch; auch sie sind Texte, die von Experten verfasst werden und sich an Laien richten. Damit besteht die Gefahr, diese Kategorie gar nicht wahrzunehmen und auch den Philosophen nur Texte zu erlauben, die im Sinne eines Lehrbuchs korrekt sind.

Das ist fatal, denn die Lehrbücher der Philosophie erfüllen nicht die Anforderungen der Allgemeinheit an die Ergebnisse des Fachs. Möglicherweise würden sie es, wenn sich die Philosophen in den wichtigsten Fragen einig wären. Aber mit der faktischen Zerstrittenheit der Experten gehen Lehrbücher einher, die keine Antworten geben, sondern nur Theorien nebeneinander stellen und mit phantasievollen Namen versehen können. Ein Text dieser Art lässt dem Leser zwei Möglichkeiten:

  1. Der Leser entscheidet sich, eine der konkurrierenden Theorien als seine Ansicht anzunehmen und die übrigen nicht. Damit wird die Entscheidung, die der Experte mit all seinem Wissen und seiner Übersicht nicht treffen wollte, letztendlich vom Laien getroffen. Womöglich entscheidet sich der Laie sogar für einen Standpunkt, den fast jeder Experte der Gegenwart persönlich für Unsinn hält, und der nur deshalb noch überall erläutert wird, weil er existiert und nicht völlig widerlegt ist.
  2. Der Leser nimmt keine der Positionen an und hat am Ende sehr viel Wissen gewonnen, das ihm für kaum etwas anderes nützt als für geistreiches Palaver.

Zudem ist es für ein solches Lehrbuch ohne wirkliche Aussagen sehr schwer, so etwas wie das große Ganze zu zeichnen, also übergreifende Zusammenhänge darzulegen.

Die Beschränkungen des Lehrbuchs führen es davon weg, als hauptsächlicher Dienst der Philosophen an der Allgemeinheit zu taugen. Das heißt nicht, dass die Lehrbücher der Philosophie falsch oder überflüssig sind, auch an ihnen besteht ein gewisses Interesse. Aber sie verhalten sich zum eigentlichen Produkt, das von der Philosophie erwartet wird, wie eine Abhandlung über Geschichte und Herausforderungen des Automobilbaus zu einem Auto.

Vielleicht wird es der Zustand der Philosophie eines Tages erlauben, dass ihre Produkte die wesentlichen Kriterien eines Lehrbuchs erfüllen. Gegenwärtig können sie das nicht - was in den meisten anderen Fächern normal ist und kein Anlass sein sollte, die Produkte gar nicht erst herzustellen.

Um sich nun der Frage zu nähern, wie ein Produkt der Philosophie beschaffen sein könnte, seien einige typische Eigenschaften von Produkten im Allgemeinen vergegenwärtigt:

  • Ein Produkt und alle seine Einzelheiten haben den Zweck, dem Verwender zu dienen, nicht, die Fähigkeiten seiner Schöpfer unter Beweis zu stellen.
  • Ein Produkt ist meistens das Werk eines Teams, weil es Fähigkeiten auf verschiedenen Gebieten erfordert, die selten bei einem Einzelnen alle perfekt ausgebildet sind.
  • Ein Produkt ist effizient. Es verlangt dem Verwender nicht mehr Zeit und Energie ab, als nötig ist, um seinen Zweck erfüllen zu können.
  • Informationen wie die Geschichte der Produktkategorie oder eine Diskussion von Schwierigkeiten gehören nur solange zum Produkt, wie sie zu dessen Funktion beitragen. Andernfalls müssen sie ihren Platz außerhalb des Produkts finden.
  • Ein Produkt ist nicht das einzige seiner Art. Der Weg, auf dem für die Allgemeinheit größtmöglicher Nutzen entsteht, ist nicht die Einigkeit aller Experten über Aufbau und Funktionsweise eines einzelnen Produkts, sondern der Wettbewerb verschiedener Produkte.
  • In einem Produkt kommen von den theoretisch möglichen Konzepten nur relativ wenige zum Einsatz. Die Entscheidung für diese Konzepte zuungunsten all der übrigen ist eine Gemeinschaftsleistung verschiedener Gruppen. Weder entscheidet allein der Experte, denn dem Laien bleibt die Wahl eines bestimmten Produkts aus der angebotenen Palette. Noch entscheidet allein der Laie, denn der Experte tut mehr, als ganz neutral sämtliche theoretischen Möglichkeiten zu erläutern. Zu Beginn wird das Produkt von Experten gestaltet und am Ende von Laien für die Verwendung gewählt. Dazwischen steht eine komplexe Kommunikation, die sowohl weitere Experten als auch weitere Laien einbezieht. Über verschiedene Pfade wie Fachpresse, Verbraucher-Communities und Gespräche im Kreis von Bekannten werden Beurteilungen und Empfehlungen ausgetauscht. Es sind beträchtliche Aufwände, die letztendlich die Auswahl der geeignetsten Konzepte leisten.
  • Produkte vollziehen eine Entwicklung. Wenn das Zusammenwirken von Experten und Laien in der Vergangenheit Produkte hervorgebracht hat, die ihren Zweck nach heutigem Ermessen nur sehr schlecht erfüllten, dann heißt das nicht, dass Produkte, die heute auf die gleiche Art entstehen, ebenso schlecht sind. Sowohl das Wissen der Experten als auch das der Laien ist gewachsen.

Die vorliegende Arbeit ist der Entwurf einer Populärphilosophie und soll meine Vorstellungen von einem solchen Produkt veranschaulichen. Das soll auf zwei Arten geschehen. Zum einen demonstriert der Entwurf meine Wünsche als Angehöriger der Allgemeinheit. Das betrifft vor allem die Wahl der Fragestellungen, den Grad an Ausführlichkeit und die Art der Argumentation. Zum anderen sammelt er die Antworten, die ich selbst zu diesem Zeitpunkt auf die verschiedenen Fragen geben würde, was sich von der unausweichlichen Herangehensweise für ein Projekt dieser Art nur insofern unterscheidet, als ich eine Einzelperson bin und ein Laie auf allen relevanten Gebieten.

Im Moment kann ich nicht einschätzen, wie interessant oder hilfreich diese Darlegungen sind.

Inhalt

Kapitel 1: Entscheidungen
Über das Kapitel
Das Element Entscheidung
Logik
Beobachtung
Denken
Logische Intuition
Das Kompetenz-Schema
Wissenschaft
Kritik
Was Worte zu Thesen macht
Drei Arten von Sparsamkeit
Die Grenzen des Wissens
Vernunft
Denken mit und entgegen der Zeit
Das Wesen einer Begründung
Kontrolle der Vorliebe
Eine Verbindung von Teilen
Relevanz von Wissen
Götter
Unbegreifliche Freiheit
Wo ist der Sinn?
Kapitel 2: Ethik
Über das Kapitel
Regeln und ihre Wirkung
Kompromisse
Die natürliche Ethik
Die kulturelle Ethik
Was sollte Ethik sein?
Ethik als Vereinbarung
Die optimale Ethik
Tabula rasa?
Einige Missverständnisse
Natürliche Ethik als Vorliebe
Eigennutz kontra Fremdnutz
Vereinigung
Ethisches Denken
Absicht, Wirkung und Schuld
Freiheit und Schuld
Übertragbarkeit von Ethik
Asymmetrien

Alternativ: Text als PDF Text als PDF

Autor / Impressum

Steffen Gerlach ist Informatiker und arbeitet als Entwicklungsingenieur im Maschinenbau.

Online-Kontaktformular
Kommentare zum Text sind willkommen!

Postanschrift: Steffen Gerlach, Berndshof 35, 17373 Ueckermünde